Wie bereits in meinem letzten Editor’s Letter angekündigt, soll es dieses Jahr noch ein wenig nachhaltiger auf meinem Blog zugehen. Das heißt natürlich unbedingt, dass ich hier ein paar Ansätze vorstelle, mit denen ich nach und nach eine nachhaltigere Lebensweise in meinem Alltag etabliere. Allerdings finde ich es besonders interessant, die Erfahrungen und Meinungen von verschiedenen Personen aus unterschiedlichen Bereichen heranzuziehen. Nicht nur in meinem direkten Umfeld entdecke ich viele inspirierende Beispiele, die mich im Austausch bereichern und mir neue Sichtweisen ermöglichen. Auch im Mode- und Beauty-Kosmos hat sich in den letzten Jahren jede Menge getan: Eco Fashion hat 2018 immer mehr an Relevanz gewonnen und auch im Beauty-Bereich finden sich viele neue, nachhaltige und fair produzierte Artikel, die dank Instagram und Co. den Weg in die Öffentlichkeit und in die Kosmetiktaschen geschafft haben. Mich interessieren selbstverständlich auch die Köpfe dahinter – die Menschen, die Nachhaltigkeit groß machen, mit neuen Perspektiven an unserem lang eingestaubten System rütteln und beweisen, dass eine Veränderung in unserem Konsumverhalten möglich und vor allem erforderlich ist. Genau diese Menschen möchte ich Euch in meiner Interviewreihe vorstellen. Ich werde mich mit ihnen über nachhaltige Ansätze in Bezug auf Karriere und Alltag austauschen und vielleicht sogar den einen oder anderen Insidertipp mitnehmen.

Den Anfang machen wir mit einer tollen Frau aus Kalifornien, der ich schon seit Langem auf Instagram folge und bei der ich täglich aktiv vorbeischaue. Eliana Gil Rodriguez lebt quasi das LA Life meiner Träume, in einem kleinen, aber überaus ausreichenden Studio Apartment mit einer unglaublichen Architektur, umgeben von Kunst, Musik und Natur inmitten der Hollywood Hills. Aber nicht nur das: Sie ist in meinen Augen ein absolutes Vorbild hinsichtlich eines fortschrittlichen Lebensstils, der weitestgehend umweltbewusst ist und kritisch bleibt. Die gebürtige Venezolanerin veröffentlicht auf Social-Media-Plattformen neben all den inspirierenden Dingen, die sie begeistern und begleiten, vor allem eines: ihre Meinung.

Von politischer Kritik bis hin zu Themen wie Body Shaming und Nachhaltigkeit findet man auf sehr persönlicher Ebene in ihren Stories und im Feed interessanten und mutigen Content. Dass sie sich seit dem letzten Jahr mit der Gründung ihres Slow Fashion Labels Gil Rodriguez nun einen großen Wunsch erfüllen konnte, sprang auch mir direkt ins Auge und sofort in mein Notizbuch: Ein Interview mit dieser tollen Frau muss her! Nicht nur, weil ich immer wieder selbst fasziniert von großen beruflichen Schritten bin, allen voran, weil diese Schritte auf einer nachhaltigen Grundlage gegangen werden. Wie sieht also eine umweltschonendere Produktion im Modesegment aus? Und kann man als Newcomer Label überhaupt faire Arbeitsbedingungen sicherstellen? Über das und noch so einiges mehr habe ich mit der lieben Eliana gesprochen:

 

 

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2018 hast Du Dein eigenes Label Gil Rodriguez gelauncht. Wie kam die Idee zu Deiner eigenen Marke? Gab es einen Schlüsselmoment?

Mir kam schon vor einiger Zeit die Idee, ein eigenes Label zu gründen – meine Abneigung gegenüber Autorität auf beruflicher Ebene war hierbei grundlegend für mein Interesse für das Unternehmertum. Das richtige Konzept kam jedoch erst in den letzten ein bis zwei Jahren zusammen, als ich bemerkte, wie unzufrieden ich eigentlich mit der Ausrichtung der Industrie auf schnelle, billige Trends und den damit verbundenen Praktiken der Produktion und des Konsums bin, die keinen nachhaltigen Anspruch hegen. Allerdings war ich ziemlich im Zwiespalt mit mir: Braucht die Welt wirklich noch eine neue Modelinie? Mir fiel auf, wie schwierig es für mich war, luxuriöse Pieces zu finden, die sich als Essentials für meine hauptsächlich aus Vintage-Schätzen bestehende Garderobe eignen. Also war ich mutig und habe mein Label Gil Rodriguez gegründet, das als Anlaufstelle für klassische Stücke, die nie aus der Mode kommen, dienen soll. Wir sind sozusagen das Gegenteil von Wegwerfmode. 

 

 

Wie würdest Du Deine Designs in drei Worten beschreiben?

Vielseitig. Essentials. Schmeichelhaft.

 

 

Welche Einflüsse und Inspirationen prägen Deine Kollektion?

Ich bin inspiriert von Unternehmen, die das tun, was sie gut können und sich nicht ständig neu erfinden müssen, um relevant zu bleiben. Issey Miyake und Patagonia sind beispielsweise große Vorbilder für mich. Inspiration hinsichtlich der Ästhetik finde ich überall auf der ganzen Welt – im Tanz, in der Kunst und Architektur, im Film und bei all den großartigen Frauen in meinem Umfeld.

 

 

 

Slow Fashion ist das wesentliche Konzept Deines Labels. Auf welche Weise fließt Nachhaltigkeit in Dein Business ein?

Zunächst einmal ist es mir wichtig, für den bewussten und gemäßigten Konsum anzuregen: Weniger Dinge zu kaufen und nur in jene zu investieren, von denen man lange und viel etwas hat. Dieser Aspekt ist von ganz entscheidender Bedeutung, denn egal wie nachhaltig eine Marke ist oder wie gut ihre Absichten sind, alles was produziert und konsumiert wird, hinterlässt einen Fußabdruck.

Bei Gil Rodriguez produzieren wir alles vor Ort und in Einrichtungen, in denen die Menschen gut behandelt werden und für ihre Arbeit einen Lebensunterhalt verdienen. Außerdem ist es unser Ziel, so viele umweltfreundliche Stoffe zu integrieren, wie und wo wir können. So besteht zum Beispiel das Polarfleece unseres neuen Montréal Capes zu 85% aus recycelten PET-Flaschen. Wenn wir wachsen und sich neue nachhaltige Technologien in Textilien und darüber hinaus entwickeln, hoffen wir, einem komplett nachhaltigen Unternehmen immer näher zu kommen.

 

 

 

 

Bisher sind Deine Designs nur online erhältlich. Könntest Du Dir einen stationären Handel in der Zukunft vorstellen?

Ja, auf jeden Fall! Der stationäre Handel ist der nächste große Schritt für uns. Wir stecken ziemlich viel Liebe und Ressourcen in die Beschaffung und das Entwickeln von Stoffen, die sich angenehm und luxuriös anfühlen. Leider geht dieser Aspekt oftmals bei den Online-KundenInnen unter. Wo wir aber gerade dabei sind: Ich bereite eben meine allerersten Großhandelsbestellungen vor!

 

Man hat oftmals das Gefühl, dass die Modeindustrie ausschließlich von Profit getrieben ist. Du arbeitest eng mit Deinen SchneiderInnen zusammen. Wie wichtig empfindest Du Empathie in der Arbeit mit Deinen KundenInnen und MitarbeiterInnen?

Ich bin seit über zehn Jahren in dieser Branche und habe immer eng mit den Leuten zusammengearbeitet, die meine Pieces produzieren. Als ich noch bei American Apparel designte, befand sich mein Büro buchstäblich in der Fabrikhalle. Ich kenne es nicht anders. Diese Nähe und Vertrautheit mit dem Herstellungsprozess und den Menschen, die dahinter stehen, ist mir sehr wichtig. Heutzutage ist es so einfach, sich von den industriellen Prozessen beziehungsweise sich hinter dem, was wir verbrauchen, vollständig zu distanzieren – von unserer Kleidung bis hin zu unseren Lebensmitteln. Ich bin nicht der Meinung, dass man diese Hintergründe ignorieren sollte und ich glaube, meine KundenInnen sehen das ähnlich.

 

 

 

 

Nach welchen Kriterien hast Du Deine SchneiderInnen ausgewählt? Wie stellst Du sicher, dass die Arbeitsbedingungen Deiner MitarbeiterInnen Deinen Ansprüchen genügen?

Qualität, gute Arbeitsbedingungen und faire Löhne sind ebenso wichtig wie der richtige Preis und die Zuverlässigkeit. Am Ende verbringe ich viel Zeit in diesen Fabriken. Ich stelle viele Fragen und genieße es, die ArbeiterInnen kennenzulernen. Spanisch zu sprechen, hilft zudem sehr.

 

 

 

 

Du hattest bereits erwähnt, dass Du in ganz frühen Jahren bei American Apparel gearbeitet hast. Inwiefern hat Dich Deine Arbeit dort für Dein Modeverständnis heute geprägt?

Zu sagen, dass ich bei American Apparel viel gelernt hätte, wäre eine massive Untertreibung. Das Unternehmen war seiner Zeit in vielerlei Hinsicht voraus: ethische und lokale Fertigung und die Einbindung dieser in die Werbung, vertikale Integration – das Label hat alles getan, bevor es cool war und hat die Basis für viele der heute erfolgreichsten Unternehmen gelegt. Ich verdanke dieser Erfahrung so viel.

 

 

Wie wichtig ist Instagram bei der Entwicklung einer eigenen Marke? Ist es noch möglich ohne Social Media erfolgreich zu sein?

Ich hoffe, dass es möglich ist. Instagram ist definitiv ein nützliches Werkzeug, vor allem für ein kleines Unternehmen. Jedoch denke ich immer noch, dass nachhaltiger Erfolg auf so viel mehr aufbauen muss. Ich konzentriere mich vor allem auf die Herstellung eines großartigen Produktes und den Aufbau einer authentischen Marke, die Integrität, Kreativität und Gemeinschaft ausstrahlt. Außerdem glaube ich, dass man eher so handeln sollte, als ob Instagram morgen irrelevant werden könnte. Letztendlich wird meiner Meinung nach nämlich genau das der Fall sein und diejenigen, die sich zu sehr auf die App verlassen haben, werden nicht überleben.

 

 

 

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Große Modekonzerne der High Street Labels halten Ihre Kunden täglich mit neuer Ware interessiert. Welche Möglichkeiten gibt es, Menschen für einen bewussteren Umgang mit Mode zu sensibilisieren? 

Nun ja, in der Realität ist es so, dass bereits eine Bewusstseinsänderung in der Art, wie wir konsumieren, stattfindet. Das liegt vor allem daran, dass dieser Aspekt zum Überleben notwendig ist. Ich bin nur ein winziger Teil dieser Schicht und gebe mein Bestes, um mit gutem Beispiel voranzugehen – auch, wenn ich alles andere als perfekt bin. Ich fokussiere mich gerne auf Nachhaltigkeit aus individueller Sicht. Es ist weder finanziell nachhaltig, Kleidung als etwas Wegwerfbares zu behandeln, noch ist es emotional nachhaltig, ständig die neuesten Trends zu verfolgen, aus der Angst heraus, zurückgelassen zu werden. Ich denke, das Beste für den Einzelnen ist auch das Beste für das Ganze. Es liegt an uns allen, einander zu erziehen und die Konsumkultur zu verändern.

 

Wie integrierst Du Nachhaltigkeit selbst in Deinen Alltag? Worauf achtest Du beim Kauf von Fashion- und Beauty-Produkten?

Tatsächlich kaufe ich einfach wenig Zeug. Ich möchte nur Dinge besitzen, von denen ich weiß, dass ich sie noch viele Jahre lieben werde. Ich kaufe meistens Vintage oder Marken, denen ich vertraue.

 

 

 

Deine 5 Tipps, um nachhaltiger zu leben?

 

Ich bin keine Heilige und Nachhaltigkeit im Alltag ist ein stetiger Prozess. Das Festhalten an folgenden Punkten hat jedoch die Grundlage für eine wesentliche Veränderung meiner Gewohnheiten gelegt:  

 

1. Begrenzt Euren Gesamtkonsum – Einkaufen sollte nicht als Hobby oder Therapie behandelt werden.

2. Kauft weniger und dafür besser. Investiert nur in Dinge, die dauerhaft sind, sowohl in Bezug auf Qualität als auch hinsichtlich des Stils.

3. Begrenzt den täglichen Verbrauch an Einmalkunststoff, indem Ihr eine eigene nachfüllbare Trinkflasche verwendet, Plastikbeutel und Strohhalme ablehnt und nach Möglichkeit zu Hause kocht.

4. Geld bedeutet Macht. Gebt Euer Geld an Unternehmen und Organisationen weiter, die Eure Werte teilen. Dies führt dazu, dass sich weniger „bewusste“ Unternehmen durch die Einführung nachhaltigerer Praktiken an die Anforderungen der Verbraucher anpassen.

5. Esst weniger Fleisch! Ich bin eine echte Fleischliebhaberin, daher war diese Entscheidung ziemlich hart für mich. Jedoch schafft es jeder, der nicht komplett verzichten kann, wenigstens seinen Konsum zu reduzieren.

 

 

Wie sieht die Zukunft von Slow Fashion und Gil Rodriguez aus?

Ich bin der Meinung, dass immer mehr Menschen erkennen, dass eine Wirtschaftsstruktur, die ein ständiges Wachstum erfordert und sich darauf stützt, dass die Verbraucher ständig und sinnlos konsumieren, keine Option mehr ist. Slow Fashion oder jede Bewegung, die auf ein nachhaltigeres Leben abzielt, ist die Zukunft, denn sie ist die einzige Option, die wir für die Zukunft haben. Was Gil Rodriguez betrifft – wer weiß? Wir gehen jeden neuen Tag mit langsamen, aber bewussten Schritten mit.

 

 

Vielen Dank, liebe Eliana, dass Du Dir die Zeit für ein Interview genommen hast. Ich finde Dich unwahrscheinlich inspirierend und hoffe, dass viele Unternehmen und Menschen Deinem Vorbild folgen. Viel Erfolg weiterhin mit Deinem Label – hoffentlich habe ich auch irgendwann ein von Dir designtes Teil  in meinem Kleiderschrank. 

 

Photos: Gil Rodriguez

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1 Comment

  1. Carmen
    February 23, 2019 / 7:37 am

    Hallo Ari,
    ein sehr interessantes Interview. Danke fürs Vorstellen, ich kannte Eliana Gil Rodriguez bisher noch nicht.
    Themen solcher Art treffen voll meinen Nerv und den der Zeit. Also freue ich mich darauf, von dir mehr dazu zu lesen.
    Liebe Grüße
    Carmem

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